René Magritte 1948
La Période vache. Ausstellung Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 4.
Januar 2009
René Magritte gehört nicht nur zu den bedeutendsten, sondern
auch zu den populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Oft im
Widerspruch zu den künstlerischen Tendenzen seiner Zeit hat der belgische
surrealistische Maler eine einzigartige und unverkennbare Bildsprache geschaffen.
Wie kaum ein anderer hat er mit seinem Werk nachfolgende Künstlergenerationen
bis heute, aber auch die visuelle Kultur der Gegenwart wesentlich beeinflusst.
Viele seiner ebenso rätselhaften wie einprägsamen Bildfindungen
wurden millionenfach reproduziert und sind weit über die Kunstwelt hinaus
zu Ikonen geworden.
Eine faszinierende Episode im Werk des richtungsweisenden Künstlers
ist jedoch nahezu unbekannt geblieben: die sogenannte Période
vache. 1948 schuf Magritte für seine erste Einzelausstellung
in Paris eine Gruppe von Gemälden und Gouachen, die sich deutlich von
seinem übrigen Werk unterscheidet. In einem neuen, schnellen und aggressiven
Malstil – inspiriert vor allem von populären Bildquellen wie Karikaturen
und Comics, aber auch mit Stilzitaten von Künstlern wie James Ensor oder
Henri Matisse durchsetzt – entstanden innerhalb von wenigen Wochen
etwa 30 völlig untypische Werke, die im damaligen Paris für Empörung
sorgten. Magritte hatte die Ausstellung gezielt als Provokation
und als Angriff
auf das Pariser Publikum konzipiert. Mit seiner Hinwendung zu einem unerwartet
kruden, spielerischen und bewusst "schlechten" Malen reflektierte
der Künstler sein eigenes Werk, aber auch die Malerei generell. In
Retrospektiven zum Werk Magrittes meist nur vereinzelt
gezeigt, werden die
Arbeiten der Période vache in der Ausstellung in der Schirn erstmals
außerhalb Frankreichs und Belgiens zusammengeführt. Besonders vor
dem Hintergrund der Kunst der letzten 30 Jahre wirft diese konzentrierte
Präsentation
ein neues, überraschendes Licht auf einen herausragenden Künstler,
dessen Werk oft fälschlicherweise als allzu eingängig und bekannt
erachtet wird.
Dass
erst im Jahr 1948 Magrittes erste Einzelausstellung in Paris stattfand, ist
für die Entstehung der Période vache von entscheidender Bedeutung.
Paris war nicht nur das Zentrum der Kunstwelt, sondern auch die Hauptstadt
der surrealistischen Bewegung, und Magritte stand – als die zentrale
Figur der belgischen Surrealisten – seit den 1920er-Jahren
in engem Kontakt mit dem Kreis um André Breton. Doch war nicht nur
sein Versuch, sich in der französischen Metropole zu etablieren,
nach nur dreijährigem Aufenthalt (1927-1930)
gescheitert; selbst nachdem in den 1930er-Jahren seine internationale Anerkennung
gewachsen war, blieb ihm eine adäquate Würdigung seines Werks in
Paris verwehrt. Darüber
hinaus geriet Magritte unmittelbar nach dem Krieg in einen offenen Konflikt
mit Paris, als die von ihm formulierte Neudefinition des Surrealismus bei
den aus dem Exil heimkehrenden Protagonisten der surrealistischen Gruppe auf
Ablehnung stieß. Magritte hatte in den Jahren zuvor, die er unter
deutscher Besatzung in Brüssel verbrachte, eine programmatische Wendung
vollzogen und damit die heute als Période Renoir oder Période
soleil bezeichnete Phase seines Werks begründet: Auf den farbenfrohen Stil
der französischen Impressionisten zurückgreifend, propagierte er
eine Hinwendung zur "schönen Seite des Lebens" und lancierte,
in Abgrenzung von der offiziellen Pariser Linie, den "Surrealismus in
praller Sonne" (surréalisme en plein soleil). Vehement ging er
dabei gegen die reaktionäre Haltung einer in seinen Augen erstarrten
avantgardistischen Bewegung vor und versuchte vergeblich, Breton von seinem
Ansinnen zu überzeugen. Nicht nur die von Magritte initiierten Manifeste,
auch seine Werke im neoimpressionistischen Stil stießen durchweg auf
Ablehnung und Kritik.
Die Werke der Période vache bilden weder motivisch
noch stilistisch ein einheitliches Ensemble, sondern sind vielmehr ein Patchwork
aus wechselnden Pseudostilen mit mehr oder weniger offenen Anleihen bei anderen
Künstlern und Rückgriffen Magrittes
auf das eigene Werk, die unter Verwendung von Versatzstücken aus der
populären Bildkultur ins
Komische, Triviale, Groteske überführt werden. Mit zahlreichen
kunsthistorischen Anspielungen – etwa
auf James Ensor, dessen groteske Physiognomien von Magritte noch einmal drastisch
gesteigert werden, auf Henri Matisse, dessen farbige Ornamente er zum tapetenartigen
Dekor degradiert, oder auf den von ihm bekanntlich wenig geschätzten
Joan Miró – parodiert
Magritte überkommene kulturelle Werte und ästhetische Normen und
distanziert sich von einem innovationslüsternen
Kunstbetrieb. Indem er Motive aus eigenen früheren Bildern in neuer
Malweise präsentiert,
macht er sich gewissermaßen zum Karikaturisten seiner selbst. Im Gegensatz
zu den "klassischen" Bildern Magrittes mit ihrer kühlen, präzisen
und wirklichkeitsgetreuen Malweise und dem ihnen zugrunde liegenden konzeptionellen
Kalkül sind die Vache-Bilder bunt, flächig,
schnell gemalt und von einer unerwarteten Direktheit und Spontaneität.
Die Schirn setzt mit der Ausstellung "René Magritte 1948. La
Période vache" eine Reihe von Ausstellungen (Matisse, Paul Klee,
Max Beckmann, Picaoss) fort, die außergewöhnliche Werkkomplexe
oder wenig beachtete Aspekte im Œuvre
von etablierten Meistern der klassischen Moderne in den Blickpunkt rückt.
Der deutsch-englisch erschienene Katalog (176 Seiten, ca. 90 Abb.) kostet
in der Ausstellung 29,80 €.
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Frankfurt