Eugène Carrière: Der Schlaf

Gesichtslos – die Malerei des Diffusen

John Beard, Eugène Carrière, Jörg Madlener, Joe Allen, Rainer Lind. Ausstellung Kunsthalle Darmstadt, 22. September 2009 bis 17. Januar 2010

Werke des Fin de siècle-Künstlers Eugène Carrière (1849-1906) kennt man aus dem New Yorker Metropolitan Museum oder dem Pariser Musée d'Orsay. Die Kunsthalle Darmstadt präsentiert jetzt eine Auwahl der berühmtesten Werke des Spätimpres-sionisten aus einer hochkarätigen Privatsammlung und aus dem Bestand der Kunsthalle Bremen. Gezeigt werden ca. 30 Werke Carrières. Carrière war unter anderem Lehrer von Henri Matisse und André Derain. Er begründete die Reihe 'moderner' diffuser Darstellungen.

Joe Allen: Vincent van Gogh, 2007Verglichen mit dem Impressionismus benutzt er eine farblich extrem reduzierte Palette von Zwischentönen. Eugène Carrière läßt die Welt langsam aus dem Dunkel auftauchen, verschleift und verunklärt, zeigt Menschen als schwebende, unfaßbare Phänomene. So inszeniert er Räume intimer Begegnungen, in die kein Betrachter einzudringen vermag. Die Figuren sind oft gesichtslos, bleiben ein unergründliches Geheimnis. Die diffusen Gemälde verweigern die Illusion, Identität ließe sich in der Kunst oder im Leben eindeutig fassen. Damit reagiert Carrière auch auf Erkenntnisse der zeitgenössischen Psychologie zur Unerkennbarkeit des Menschen und zur Funktionsweise der Erinnerung.

Vier Zeitgenossen antworten auf diesen Pionier der Jahrhundertwende. Sie verwenden inhaltlich und malerisch völlig unterschiedliche Methoden von Diffusion. John Beard (Sydney, geb. 1943 in Wales) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler Australiens überhaupt. Seine großformatigen Schwarz-in-Schwarz-Porträts wirken wie unergründliche Landschaften, entziehen sich dem fokussierenden Blick. So veranschaulicht John Beard Grenzen von Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

Jörg Madlener: Sandstorm 1, 2003Der Maler Jörg Madlener (New York, geb. 1939) zeigt u.a. die Serie "Sandstorm" mit diffusen Soldatenporträts aus dem Golfkrieg. Er reflektiert die politisch motivierten 'Verschleierungen' von Kriegen in den Medien. Joe Allen (Trier, geb. 1955 ) präsentiert mit seinen verschleierten, reduzierten Bildnissen berühmter Künstler die Kunstgeschichte als Hort höchst diffuser Erinnerungen. Rainer Lind (Darmstadt, Laubach-Altenhain, geb. 1954) läßt nebulöse kosmische Landschaften entstehen. Bevölkert sind die Weiten von Figuren, die an Heilige und an die Romantik denken lassen und gleichzeitig zum Symbol für moderne Nomaden und Flüchtlinge werden.

Gesichtslosigkeit bedeutet in der Alltagssprache Charakter- und Identitätslosigkeit, das Gesicht zu verlieren heißt bloßgestellt zu sein. Die Künstler der Ausstellung "Gesichtslos" entlocken dem Motiv ganz andere Momente. Sie fordern den Betrachter unmißverständlich auf, sich Menschen ständig neu zu erschließen. Sie stehen auch für eine Malerei, die sich wortwörtlich vom Gegenstand distanziert und als selbständiges Medium mit ganz eigenen Gesetzen auftritt. Zur Ausstellung mit ca. 100 Gemälden erscheint ein Katalog.

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